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Sonntag, 7. April 2013

Listen to your heart.

Morgen müssen wir leider Wales verlassen, ich will nicht! Irgendwann, Baby, packen wir unsere Sachen, setzen uns in den Flieger und sind weg. So wie damals, als wir in die USA geflogen sind. Ich bin nicht unglücklich mit Europa und allem, was wir hier erleben dürfen, aber Abschied tut weh.

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Donnerstag, 4. April 2013

Neunte Etappe: Cardiff/Wales

Oh nein, wir sind nicht mehr in Frankreich! Ich könnte heulen - und ich habe auch geheult. Wie immer muss ich sagen, dass ich so schnell wie möglich wieder zurück will.

F R A N K R E I C H - F A Z I T :

Frankreich ist nicht umsonst mein Lieblingsland. Wenn Tobi sich nicht dagegen sträuben würde, könnte ich mir sogar vorstellen, später dort zu leben und zu arbeiten. Unser zweiwöchiges Leben in Lyon hat meinem Eindruck von Frankreich mal wieder alle Ehre gemacht, es war einfach wunderschön! Nicht in einer Gastfamilie, sondern in einer WG mit drei anderen schrägen Chaoten zu leben ist ungemein hilfreich für jemanden wie Tobi, der vorher kein einziges Wort Französisch sprechen konnte. Jetzt kann er immer noch nicht sehr viel, was wohl aber daran liegt, dass er auf Französisch am minimalsten Bock hat. Schade, versteh ich nicht. ;)
Unsere Arbeit war genauso genial, ich meine, wir waren in einer Schauspielschule, und ich durfte als TANZLEHRERIN arbeiten. Uii, klein Eileen wurde glücklich gemacht. Und Ostern in Frankreich hatte ich vorher auch noch nicht erlebt, ein klein wenig kurios, aber sehr lustig, vor allem wenn deutsches, französisches, chinesisches und amerikanisches Ostern aufeinander prallen.

Nun sind wir also in Wales, genauer gesagt in Cardiff. Ich fand Wales früher schon total spannend, wenn man von Großbritannien redet, kommt meistens England in den Gesprächen vor, Irland gehört nicht dazu, Nordirland wird nur in Bezug auf politische Unruhen erwähnt und Schottland bekommt wenigstens noch Kulturklatsch über den Dudelsack und das Monster von Loch Ness ab. Von Wales hört man als Deutsche ja nicht viel. Und da ich schon immer das am liebsten mochte, was nicht so viele interessiert, fand ich es total aufregend, auch eine Woche in Wales verbringen zu dürfen.

C A R D I F F :

Wieder eine Stadt, wo alles zweisprachig ist. Caerdydd heißt die Stadt auf walisisch, womit ich genau wie bei Gälisch nicht klarkomme. Cardiff ist sehr altertümlich und für mich eine Stadt, die noch total nach Mittelalter aussieht, völlig klischeemäßig mit einem Schloss, einer Kathedrale und einer Burg. Es ist hier alles total gemütlich, klein und süß. I like. Und glücklicherweise müssen wir hier keinen Walisisch-Sprachkurs machen, weil alle, wirklich alles Englisch sprechen können. Es würde mich zwar nicht stören, noch eine Sprache kennen zu lernen, aber in Anbetracht der ganzen anderen Sprachen, mit denen wir noch konfrontiert wurden, weiß ich genau, dass ich durcheinander kommen würde.

U N S E R E   G A S T F A M I L I E :

...ist eine Einwandererfamilie. Sie kommt aus Portugal und heißt Juana, er ist Ire und heißt Cillian. Beide sprechen fließend Spanisch und Französisch, weil sie sich beim Auslandssemester in Barcelona während des Studiums kennen gelernt haben. Sie haben beide das studiert, was ich studieren möchte: Romanistik, was ich total spannend finde. Und die Beiden sind auch der Meinung, dass es eine gute Wahl ist. Tobi, der sich ja nicht für eine Studienrichtung entscheiden konnte und ab Oktober ein ganz eigenartiges Studium mit vier verschiedenen Modulen (Filmgeschichte, Politikwissenschaften, Archäologie und Sozialwissenschaften) beginnt (fragt mich bitte nicht, wie man so was machen kann, er hat darum auch echt kämpfen müssen, so einfach geht das wohl nicht so ohne weiteres), wird natürlich auch ausgequetscht. Juana und Cillian, beziehungsweise Ani und Cilli, sind sehr interessiert und möchten sich am liebsten den lieben langen Tag mit uns unterhalten. Oft unterhalte ich mich mit den Beiden auch auf Spanisch und Französisch, da ich jede Gelegenheit nutzen möchte, um diese beiden Sprachen zu üben.
Sie haben drei Kinder: Gwendolyn, genannt Gwen, ist die Älteste, und zieht nächstes Jahr aus, um in Brasilien zu studieren. Portugiesisch können sie alle, durch Juana, denn alle wurden zweisprachig erzogen. Und manchmal wird mit ihnen auch walisisch gesprochen, was Juana und Cillian mittlerweile auch schon recht gut beherrschen. Der mittlere heißt Micah, gerade ziemlich anstrengend, aufgrund von Beziehungsproblemen. Und die Kleinste ist Mary, gerade 12 geworden und ein Zuckerstück von Kind.
Wieder eine Familie, wo wir vollständig aufgenommen worden sind, und wo ich mit Sicherheit ein paar Tränchen vergießen werde, wenn es Abschied nehmen heißt. Leider bleiben wir nur eine Woche.

U N S E R E   A R B E I T :

Wir arbeiten im Cardiff Castle als Catering-Service bei Veranstaltungen, die nicht gerade selten stattfinden. Sei es eine politische Versammlung oder ein Konzert, das spielt keine Rolle. Und wieder darf Tobi kellnern und ich eher Papierkram, Gästezuweiseung, Gardarobendienst und Auskunftsdienste leisten. Ist schon okay, meiner Tollpatschigkeit würden wahrscheinlich die Hälfte aller Gläser runterfallen. Wenn gerade keine Veranstaltung ist, werden die Räume dafür natürlich vorbereitet oder eben sauber gemacht. Auch das ist unsere Aufgabe. Wir haben hier also auch richtig viel zu tun, an so einem Event-Catering-Service ist mehr dran, als man denkt! Aber es macht auch Spaß und man lernt jeden Tag neue nette Leute kennen.

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Ich will hier nicht weg! :)

Samstag, 23. Februar 2013

Planänderung.

Gestern kam ein schwedischer Vertreter unserer Auslandsorganisation vorbei und wollte mit uns sprechen. Ich war schon völlig schockiert: Haben wir irgendwas falsch gemacht? Der Typ, Björk, ein sehr netter Schwede, hat uns dann sofort beruhigt, dass alles gut wäre, aber der Hammer kam dann trotzdem noch. Unser Arbeitsplan wird geändert.

Ursprünglich wäre es jetzt folgendermaßen weitergegangen:

  • nächste Woche Kiew/Ukraine
  • übernächste Basel/Schweiz
  • danach Lyon/Frankreich
  • Cardiff/Wales
  • Florenz/Italien
  • zurück nach Deutschland 

Dann wäre es Anfang April, wir hätten ungefähr eine Woche Zeit gehabt, um uns wieder in unserem deutschen Leben zurückzufinden, und dann wäre es für mich zurück nach Spanien gegangen, für meinen Freiwilligendienst. Der würde bis August dauern. Jetzt ist alles anders.
Unsere Workshops und auch mein Freiwilligendienst hängen zusammen, das wird alles von ein und der selben Organisation gefördert, geplant und präsentiert. Deshalb haben die extrem viel Spielraum, was sie mit uns machen können. Und nun wurden wir noch für ein weiteres Projekt genommen. Es ist auch wieder ein Freiwilligendienst, das bedeutet, wir bekommen dafür kein Geld, wie das jetzt bei den Workshops der Fall ist. Unser neuer Plan sieht folgendermaßen aus:
  • zwei Wochen Kiew/Ukraine (weil die Leute dort absoluten Personalnotstand ausgerufen haben, do wie ich das jetzt verstanden habe)
  • eine Woche Basel/Schweiz
  • zwei Wochen Lyon/Frankreich (auf Frankreich freu ich mich seit dem Anfang!)
  • eine Woche Cardiff/Wales
  • eine Woche Florenz/Italien (aha, Italien schaffen wir also doch noch, die brauchen da auch Leute!)
Dann sind wir für eine einwöchige Busfahrt eingetragen, die aber nicht direkt etwas mit Arbeit zu tun hat, eher mit Geschichte, Gedenken und Stille. Wo fährt dieser Bus hin? Ganz ehrlich, so etwas wollte ich schon immer mal machen, aber allein trau ich mich einfach nicht: Konzentrationslager , oder das, was von ihnen übrig geblieben ist, anschauen.
Angefangen in Mailand geht es nach Mauthausen, Dachau, Flossenbürg, Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau (davor fürchte ich mich ehrlich gesagt), Belzec, Treblinka, Sachsenhausen, Ravensbrück, Neuengamme, Bergen-Belsen (auch davor habe ich Angst, vor allem weil ich spontan ein Exemplar "Das Tagebuch der Anne Frank" mitgenommen habe, wahrscheinlich werde ich es dort lassen) und es endet in Buchenwald. Meistens stehen natürlich nur noch Gedenkstätten oder Friedhöfe, aber es wird wahrscheinlich trotzdem eine ganz neue Erfahrung werden.

Und wenn man denkt, härter kann es nicht kommen (ich werde weinen, ich kenne meine schwachen Nerven, deshalb würde ich so eine "KZ-Rundfahrt" niemals alleine machen, ein Glück kommt Tobi mit), dann haut Björk noch einen größeren Hammer heraus!

Denn danach sind wir für drei Wochen in Cluj/Rumänien. Ich weiß, man hört viele Horrorgeschichten über die Lebensbedingungen der "Zigeuner" am Rande der Mülldeponie und ich muss Euch sagen: genau das wird unsere Arbeit sein. Björk meinte, dass es heftiger wird als Irland und Kroatien zusammen, weil wir mit sehr viel Elend konfrontiert werden. Nicht zu vergessen die Konzentrationslager. Dabei dachte ich eigentlich, dass mich nach Irland erst mal so schnell nichts mehr erschüttern kann. Oh doch! Wir wurden gefragt, ob wir damit einverstanden sind. Tobi und ich haben uns angesehen und uns war sofort klar, dass wir das machen wollen. Wenn man Menschen helfen kann, wieso sollte man es nicht tun? Es wird hart, elendig und furchtbar, das hat er uns auch klar gemacht, aber wir wollen nicht die Augen davor schließen, sondern verändern und darauf aufmerksam machen.

Ganz genau kenn ich unsere Arbeit in Cluj/Rumänien noch nicht, aber so viel vorneweg: Rumänien ist das zweitärmste Land der EU und dort lebt eine "Minderheit" von Sinti und Roma, abwertend "Zigeuner" genannt, obwohl ich das Wort Zigeuner eigentlich immer süß und schön fand, nachdem ich als Kind "Der Glöckner von Notre Dame" gesehen hatte, da ist das Wort Minderheit viel schlimmer. Klar wurden Zigeuner auch im "Glöckner von Notre Dame" gejagt, verbannt, verraten, gehasst, schikaniert, verhöhnt und eingesperrt, aber ich fand dieses Volk viel sympathischer als die ganze Pariser Stadtbevölkerung, obwohl sie sicherlich gestohlen, gelogen und sich gewaltsam das genommen haben, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.
In Rumänien wurden "Zigeuner" noch nie vollkommen integriert, sie gelten eher als Plage. Wahrscheinlich ist das noch vom Zweiten Weltkrieg hängen geblieben, meine Fresse. Sicherlich haben die Rumänen auch gar kein Geld dazu, das Elend am Rande der Müllkippe von Cluj zu bekämpfen. Aber wenn wir dort sind, schreib ich alles genau auf, allein schon mal für mich selbst, um zu verarbeiten.

Nach diesen drei Wochen ist es Ende April, wo ich eigentlich schon längst in Spanien sein müsste, aber das wurde alles nach hinten verlegt. Wir haben dann zwei Wochen Auszeit bekommen und werden definitiv zurück nach Deutschland, nach Hause, fahren, damit ich mich richtig auf meinen Freiwilligendienst, der dann nur noch fünf Monate dauern wird, vorbereiten kann. Zurück geht es nach Valencia/Spanien. Ich freu mich. Vorher müssen wir allerdings Stärke beweisen.